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Der Psilocybin-Wahn - und die Medizin dagegen

In den letzten Wochen hat der Medizinjournalismus wieder einen neuen Tiefpunkt erlebt. Damit meine ich die Berichterstattung über die Studie mit "Zauberpilzen" (dem Wirkstoff Psilocybin, einem Inhaltsstoff von "magic mushrooms") bei Patienten mit therapieresistenter Depression, die Mitte Mai im Lancet Psychology erschienen ist. Kurz zusammengefasst: 12 Patienten wurden unter enger psychiatrischer Aufsicht mit zwei Dosen Psilocybin im Abstand von einer Woche behandelt. Hinzu kam psychologische Unterstützung während des gesamten Studienzeitraums. Der Schweregrad der Depression wurde über einen Verlaufszeitraum von drei Monaten erfasst.

Angesichts des Studiendesigns wären m.E. höchstens diese oder ähnliche drei Sätze als Berichterstattung angemessen, wenn überhaupt. Was ist das Problem? Es handelt sich um eine unkontrollierte Studie mit einer winzigen Anzahl an Patienten bei einer Erkrankung, die in den meisten Fällen zyklisch verläuft und bei der es vermutlich auch einen starken Einfluss von unspezifischen Therapieeffekten gibt. Warum man bei solchen Untersuchungen sehr vorsichtig bei der Interpretation sein muss, habe ich unter anderem in der letzten Folge der Evidenzsprechstunde erklärt. In meinen Seminaren sage ich den Teilnehmern bereits in der ersten halben Stunde, dass sie solche unkontrollierten Studien ungelesen beiseite legen können, wenn es um die Frage nach spezifischen Therapieeffekten geht.

Dementsprechend hätte man erwarten können, dass es keine oder nur eine geringfügige Berichterstattung zum Thema gibt. Was ist aber passiert? Viele Medien machen einen riesigen Hype um die Studie und berichten sehr umfassend. Ja, häufig ist von einer Pilot- oder Machbarkeitsstudie die Rede, auch die geringe Teilnehmerzahl wird erwähnt. Ja, bei therapieresistenten Depressionen sind die therapeutischen Optionen sehr begrenzt. Aber sogar in medizinischen und pharmazeutischen Fachzeitschriften suggerieren die Überschriften oder der Subtext von Artikeln, dass es sich tatsächlich um einen kausalen Zusammenhang zwischen der Einnahme und veränderten Symptomen handelt. Beispiele: "Helfen Zauberpilze gegen Depression? Kontrollierte Einnahme von Psilocybin in Pilotstudie effektiv" (Deutsche Apotheker Zeitung, nur für Abonnenten zugänglich); "Das Halluzinogen Psilocybin...hat in einer Pilotstudie die Depressionen von Patienten gelindert" (Pharmazeutische Zeitung), "Halluzinogen Psilocybin lindert Depressionen in offener Studie" (Deutsches Ärzteblatt). Die Liste ließe sich noch lang fortsetzen.

Nochmal im Klartext: Ob die Verbesserung der Symptome bei einigen Patienten tatsächlich durch das Psilocybin oder durch die engere Betreuung oder durch andere unbekannte Faktoren entstanden ist, lässt sich mit dieser Studie überhaupt nicht sagen. Wer hier einen kausalen Zusammenhang suggeriert, handelt m.E. grob fahrlässig und verzerrt die Berichterstattung.

Woher kommt jetzt der Hype? Im besten Fall haben die "magic mushrooms" den Kollegen schon allein durch das Lesen der Studie den Kopf vernebelt. Im schlechtesten Fall ist diese Berichterstattung ein Symptom, das für einen noch miserableren Zustand des Medizinjournalismus spricht, als ich es immer befürchtet habe. In Deutschland sind wir damit allerdings nicht allein - das Problem existiert weltweit. Das berichtet etwa die kanadische Journalistin Julia Belluz in einem aktuellen Beitrag auf vox.com - und verschreibt ein Medikament: mehr Evidenz und einen kritischeren Blick. Bitte dreimal täglich einnehmen!


Kommentare

  1. Wie konnte es eine solche Studie denn überhaupt in ein dem Lancet zugehöriges Journal schaffen?

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  2. Darauf gibt es mehrere Antworten ;-)

    1. Der Name eines Journals sagt nichts über die Qualität der einzelnen Studien aus (traurig, aber wahr)

    2. Als Pilot-Studie hat die Untersuchung wissenschaftlich gesehen vielleicht sogar ihre Berechtigung - sie war ja nicht als Nachweis der Wirksamkeit angelegt, sondern hat vor allem die Frage untersucht, ob eine sichere Anwendung möglich wäre. Das beschreibt erstaunlicherweise sogar die Pressemitteilung der Universität so (und Pressemitteilungen neigen üblicherweise eher zur Übertreibung): http://www3.imperial.ac.uk/newsandeventspggrp/imperialcollege/newssummary/news_17-5-2016-10-42-14

    3. Meiner Einschätzung nach ist das Problem hier tatsächlich die fehlende kritische Distanz der berichtenden Journalisten. In der Diskussion weisen die Autoren der Studie deutlich auf die Limitierungen hin, z.B. dass es unklar ist, welche Rolle die engmaschige Betreuung gespielt hat.

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