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Lesetipp: Noch mehr Evidenz für Überdiagnosen beim Mammografie-Screening

Dass Screenings auf Krebserkrankungen auch zu Überdiagnosen führen können, ist seit langem bekannt. Zu den besten Beispielen gehört das Mammografie-Screening als Früherkennungsuntersuchung auf Brustkrebs. Wie sich diese Erkenntnis langsam entwickelt hat, hat 2015 ein Artikel im BMJ beschrieben.

Die Schwierigkeit bei der Quantifizierung von Überdiagnosen besteht darin, dass man sie nicht direkt messen kann. Deshalb sind wir immer auf Schätzungen angewiesen. Über eine Analyse anhand von US-amerikanischen Daten, die im NEJM erschienen ist, habe ich vor einiger Zeit berichtet. Darin vergleichen die Autoren die Entwicklung bei der Größenverteilung der entdeckten Tumore vor und nach Einführung des Screenings.

Eine etwas anderen Methodik wählen die Autoren einer registerbasierten Kohortenstudie, die auf den Daten des dänischen Krebsregisters beruht und kürzlich in Annals of Internal Medicine erschienen ist. Dabei werden alle dänischen Frauen zwischen 35 und 85 Jahren berücksichtigt, bei denen zwischen 1980 und 2010 ein invasives Mammakarzinom diagnostiziert wurde. In Dänemark war das Mammografie-Screening über mehr als ein Jahrzehnt lediglich in einem kleinen Teil des Landes etabliert, so dass (im Gegensatz zur US-amerikanischen Analyse) jeweils zeitgenössische Kontrollen vorhanden sind.

Im 1. Ansatz vergleichen die Autoren die Entwicklung der Inzidenz von fortgeschrittenen und nicht-fortgeschrittenen Tumoren in den gescreenten und nicht-gescreenten Gebieten. Für alle gefundenen Veränderungen (inkl. DCIS) berechnen sie einen Anteil der Überdiagnosen von 24,4% (bezogen auf alle Diagnosen im Screening) bzw. von 14,7%, wenn man nur die invasiven Tumore betrachtet. Dieser Ansatz berücksichtigt eventuelle Veränderungen der Inzidenz, die nicht mit dem Screening zusammenhängen (etwa eine möglicherweise steigende Hintergrundinzidenz oder frühere Diagnosen aufgrund eines höheren Bewusstseins für Veränderungen der Brust).

Im 2. Ansatz dagegen analysieren die Autoren Trends in der Inzidenz in den gescreenten Altersgruppen verglichen mit jüngeren und älteren Frauen. Damit wollen sie den Einfluss regionaler Unterschiede berücksichtigen. Sie stellen fest, dass zwar mehr nicht-fortgeschrittene Tumore bei jüngeren Frauen entdeckt wurden, aber die Inzidenz fortgeschrittener Tumore bei älteren Frauen nicht kompensatorisch abnimmt. Diese Entwicklung hätte man feststellen müssen, wenn durch das Screening entdeckte Tumore frühzeitiger und besser hätten behandelt werden können. In dieser Berechnung liegt der Anteil der Überdiagnosen bei 48,3% (inkl. DCIS) bzw. 36,8% (nur invasive Tumore).

Trotz der unterschiedlichen Methodik kommen sich die dänische und die US-amerikanischen Schätzungen (die liegt bei etwa 30 %, bezogen auf alle im Screening entdeckten Tumore) sehr nahe.

Ann Intern Med. 2017, online 10.01.2017, doi: 10.7326/M16-0270


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