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Lesetipp: How to survive the medical misinformation mess

Irreführend und durcheinander: So beschreibt ein Autorenteam um John Ioannidis den Zustand des medizinischen Wissens in einem (frei zugänglichen) Beitrag im Eur J Clin Invest. Auch wer keine Neigung zum Fatalismus hat, muss vermutlich zugeben, dass an dieser Diagnose durchaus etwas dran ist. Die Autoren benennen vier Schlüsselprobleme:

  1. Ein großer Teil der veröffentlichten medizinischen Forschung ist zumindest von fragwürdiger Qualität und nützt Patienten nicht. Gleiches gilt auch für diejenigen, die medizische Entscheidungen treffen müssen.
  2. Viele Angehörige der Gesundheitsberufe sind sich dieses Problems nicht bewusst.
  3. Selbst wenn sie sich des Problems bewusst sind, fehlen ihnen die nötigen Fähigkeiten, die Zuverlässigkeit und den Nutzen der veröffentlichten Studien zu beurteilen. 
  4. Patienten und ihren Angehörigen fehlt der Zugang zu zuverlässigen Gesundheitsinformationen und sie bekommen keine ausreichende Anleitung, wie sie diese für Behandlungsentscheidungen nutzen können. 
Diese Analysen sind nicht ganz neu und die Misere wird schon seit vielen Jahren oder sogar Jahrzehnten beklagt. Die Überschrift suggeriert ja Hoffnung, dass es Mittel und Wege gibt, Abhilfe zu schaffen. Was schlagen die Autoren vor?

  • Wir brauchen bessere Forschung, wie sich die Methoden der evidenzbasierten Medizin besser unterrichten und vor allem besser implementieren lassen. Dabei müssen nicht nur die individuellen Faktoren (z.B. bei Ärzten), sondern vor allem auch die systematischen Faktoren (z.B. Zugang zu Literatur, Klinikkultur) untersucht werden. Die Fähigkeit zur kritischen Bewertung von Studien muss dauernd geübt werden, damit sie nicht verloren geht.
  • Bei der Diskussion um Shared Decision Making müssen wir berücksichtigen, dass neben der Verfügbarkeit von zuverlässigen Entscheidungshilfen auch noch andere Faktoren eine Rolle spielen, etwa die Machtverhältnisse in der Arzt-Patienten-Beziehung.
  • Journalisten brauchen bessere Kenntnisse und Übung in der verantwortungsvollen Medizin-Berichterstattung. Im Idealfall fängt das schon in der journalistischen Ausbildung an.
  • Um eine wirksame Veränderung zu erreichen, müssen viele Verantwortliche an einem Strang ziehen. Dazu gehören etwa medizinische Fachzeitschriften, Behörden, Fachgesellschaften, Ausbildungsstätten für die Gesundheitsberufe oder Geldgeber für Forschung und medizinische Versorgung.
Das klingt soweit schlüssig. Allerdings sind in vielen der genannten Bereichen in den letzten Jahren bereits viele Anstrengungen unternommen worden, um die Situation zu verbessern. An durchschlagende Erfolge kann ich mich jedoch nicht erinnern. Vielleicht liegt das auch daran, dass es immer kleine und einzelne Initiativen waren. Komplexe Probleme wie das beschriebene erfordern aber in der Regel komplexe Interventionen. Die sehe ich ehrlich gesagt aber nicht so richtig. Vielleicht scheitert es oft auch daran, dass zum Beispiel die angesprochenen Institutionen neben dem großen Ganzen meist auch ihre Partikularinteressen im Blick haben, die nicht selten dem Allgemeinwohl diametral entgegen stehen. Da erfordert es dann den (politischen) Willen, einmal über den eigenen Tellerrand hinauszublicken.

Ich weiß, das hört sich jetzt doch nach Fatalismus an. Aber ich lasse mich gerne mit Argumenten davon überzeugen, dass es in Wirklichkeit doch voran geht ;-) Also kommentiert fleißig!

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