Freitag, 24. März 2017

Lesetipp: Die Zukunft der Studienpublikation

Wenn Forscher eine klinische Studie durchführen, veröffentlichen sie die Ergebnisse in einer wissenschaftlichen Zeitschrift. Das ist bisher der Standardweg - allerdings gibt es damit reichlich Probleme: So werden bei weitem nicht alle Studien auch tatsächlich publiziert, häufig fehlen entscheidende Angaben oder es werden nicht alle Ergebnisse berichtet. Diese Schwierigkeiten sind schon seit langem bekannt, aber bisherige Versuche zur Abhilfe haben keinen nachhaltigen Erfolg gebracht. Das hat aber Auswirkungen auf die medizinische Wissenschaft und damit auch auf die Patientenversorgung.

Beate Wieseler vom IQWiG stellt in einem sehr lesenswerten Aufsatz in der aktuellen ZEFQ deshalb ihre Vision vor, wie zukünftig die Ergebnisse klinischer Studien verfügbar gemacht werden könnten: nämlich als eine Vielzahl von Dokumenten, die zeitnah zur jeweiligen Phase einer Studie in einer Datenbank veröffentlicht werden. Wenn diese Vision Wirklichkeit würde, würde das auch die Arbeit von Institutionen wie dem IQWiG deutlich erleichtern. Allerdings würde das auch bedeuten, dass die Berichte in medizinischen Journals nicht mehr die Primärpublikation sein werden, sondern nur noch eine Zusammenfassung der wichtigsten Aspekte.

Das IQWiG hat übrigens einen freien Link zu dem Artikel getwittert, allerdings ist nicht ersichtlich, wie lange der freie Zugriff funktioniert.

Wieseler B. Beyond journal publications – a new format for the publication of clinical trials. ZEFQ 2017; 120: 3-8

Dienstag, 14. März 2017

Ein Lehrstück über die Abhängigkeit von Anzeigenkunden

Aufmerksame Leser erinnern sich vielleicht: Ende 2015 startete in der Pharmazeutischen Zeitung eine Serie zur evidenzbasierten Selbstmedikation, in der ich zusammen mit meiner Kollegin Judith Günther auf der Grundlage eines Methodenpapiers für konkrete pharmazeutische Fragestellungen Studien recherchiert, bewertet und zusammengefasst habe. Allein den Vorstoß der Pharmazeutischen Zeitung fand ich schon bemerkenswert, und wir haben auch viel positive Resonanz von Lesern bekommen. Links zu allen publizierten Teilen der Serie haben wir auf der Seite des Fachbereichs Evidenzbasierte Pharmazie im DNEbM hinterlegt.

Im Mai 2016 wurde das Projekt jedoch abrupt beendet. Der Grund: Anzeigenkunden hatten massiven Druck gemacht. Die Details des Projekts haben Judith Günther und ich beim EbM-Kongress letzte Woche in Hamburg in Form eines Posters vorgestellt (Abstract -- Poster im Volltext).

Glücklicherweise hat sich der VdPP des Problems angenommen und der ABDA als Trägerin der Pharmazeutischen Zeitung einen offenen Brief geschrieben. Darin heißt es (ganz zu Recht): "Auf keinen Fall darf sie [die ABDA] hinnehmen, dass eine wissenschaftlich neutrale Information der Apothekerschaft durch das Standesblatt deswegen scheitert, weil sich Industrieinteressen durchsetzen. Wenn die Abhängigkeit von Anzeigen de facto zu einer industriefreundlichen Selbstzensur führt, ist das ein Armutszeugnis für den gesamten Berufsstand!"

Die konsequente Forderung: Die Zeitschrift der Standesvertretung der Apotheker muss wirtschaftlich durch die ABDA auf so gute Füße gestellt werden, dass Anzeigenkunden keinen Einfluss auf die Berichterstattung nehmen können.

Ich bin sehr gespannt, was sich aus diesem Brief entwickelt.

Dieses Problem ist übrigens im Bereich der medizinischen und pharmazeutischen Fachpublikationen kein Einzelfall, und ich bin davon überzeugt, dass wir hier nur die Spitze des Eisberges gesehen haben. Deshalb sei aus gegebenem Anlass auch nochmal auf die Serie zu unabhängigen Zeitschriften hingewiesen.


Montag, 6. März 2017

Podcast Evidenzbasierte Pharmazie im März

In der Rubrik „Evidenzbasierte Pharmazie in der Praxis“ gibt es wieder Hinweise zu verfügbaren evidenzbasierten Informationen, die sich besonders gut für die Beratung in der Selbstmedikation nutzen lassen. Neues gibt es bei medizin-transparent, bei Gute Pillen - Schlechte Pillen und im Patientenportal des IQWiG. In der Reihe zu epidemiologischen Studien geht es dieses Mal um Bias und Confounder. Und weitere interessante Neuigkeiten finden Sie im Blick „Über den Tellerrand“, dieses Mal wieder mit der Evidenz-Sprechstunde und einem Artikel aus dem Arzneimittelbrief: "Die FDA in der Ära Trump".




Podcast als MP3 downloaden


Links zu evidenzbasierten Informationen für die OTC-Beratung

Mehr Infos zu "Evidenzbasierte Pharmazie auf den Punkt" (epidemiologische Studien)

Links zu "Über den Tellerrand"


Musik Ausschnitte aus „I dunno“ von grapes, unter CC BY 3.0 Creative Commons Lizenzvertrag Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.



Freitag, 3. März 2017

Eine neue Folge der Evidenzgeschichte(n)

Eigentlich sollte diese Folge erst im April erscheinen. Aber die Geschichte ist wieder sehr spannend, das wollten wir euch nicht vorenthalten. Und dann steht ja auch der EbM-Kongress vor der Tür - alles gute Gründe, warum die Folge doch schon jetzt veröffentlicht wird. Aber jetzt viel Spaß beim Zuhören!




Freitag, 24. Februar 2017

Lesetipp: Wie Surrogatmarker in die Irre führen können.

LDL-Spiegel, Blutzucker und andere Parameter - im Gegensatz zu patientenrelevanten Endpunkten wie der Gesamtmortalität oder der Lebensqualität lassen sich mit solchen Surrogatendpunkten keine verlässlichen Schlussfolgerungen zu Effekten von Arzneimitteln ziehen. Welche Konsequenzen das besonders in der Onkologie hat, schildert ein Autorenteam in einer Analyse im BMJ am Beispiel von zwei kürzlich veröffentlichten Studien mit Onkologika. Zu den Hintergründen gibt es auch noch eine Podcast, der frei zugänglich ist.

BMJ 2016;355:i6286


Freitag, 17. Februar 2017

Lesetipp: Ein Manifest für reproduzierbare Wissenschaft

Derzeit wird öffentlich vor allem diskutiert, dass Wissenschaft im Zeitalter der "alternativen Fakten" nicht mehr viel zählt. Doch dürfen wir darüber nicht vergessen, dass auch die Wissenschaft selbst viele Probleme hat, Stichwort "Reproduzierbarkeitskrise". Ein Autorenteam um John Ioannidis (an dem führt zum Thema kein Weg vorbei) hat das Problem in einem frei zugänglichen Artikel in Nature grundlegend aufgearbeitet.

Zur Erinnerung: Der Ioannidis-Artikel "Why most published research findings are false", der 2005 erschien, hatte damals (und bis heute) für Aufsehen gesorgt. Davon zeugen auch die rund 2 Millionen Aufrufe und mehr als 2000 Zitierungen. In dem jetzt erschienenen Beitrag geht es vor allem um Maßnahmen, um die Misere zu verbessern. Die Autoren schlagen unter anderem vor:
  • besseres Methodentraining der Wissenschaftler
  • verbesserte Registrierung und Berichterstattung bei Studien
  • Veränderungen beim peer-review-Verfahren
  • Institutionelle Anreize, etwa Finanzierung von Replikationsstudien
Interessant an der Aufzählung ist vor allem, dass es nicht nur Appelle an die Wissenschaftler selbst sind, sondern die Einsicht, dass sich auch das System verändern muss. Und an diesem System sind viele andere beteiligt, etwa Journalisten, Institutionen, Geldgeber und im Bereich der Arzneimittelentwicklung auch die Zulassungsbehörden.

Der Artikel ist auch im Hinblick auf den nächsten EbM-Kongress sehr lesenswert. Der hat als Schwerpunktthema "Wider die wertlose Wissenschaft - mehr Klasse als Masse".


Montag, 6. Februar 2017

Neuer Podcast: Evidenz-Geschichte(n)

Mit meiner Kollegin Silke Jäger zusammen habe ich am letzten Wochenende die erste Folge unseres neuen Podcasts "Evidenz-Geschichte(n)" veröffentlicht. Die Idee dahinter: Die Geschichte der evidenzbasierten Medizin mit Geschichten zu erzählen. Und dabei auch immer zu erklären, warum die Erkenntnisse von gestern auch für heute und morgen noch relevant sind.

Die Idee eines solchen Podcasts schwirrte mir schon länger im Kopf herum. Dabei kamen mehrere Faktoren zusammen: In meinem Vorträgen und Seminaren zur evidenzbasierten Pharmazie habe ich schon länger gemerkt, dass der Weg vom Kopf (Wissen) zum Herz (Haltungen) doch ziemlich lang ist, von dem zu den Händen (Tun) mal ganz zu schweigen. Wie kann man diese Distanz überwinden? Noch mehr Wissen und Reden nützt da nicht viel.

Gleichzeitig ist gerade die "Alternativ-Medizin" voll von Heilungsgeschichten, gegen die Kritiker mit ihren Erklärungen häufig nichts ausrichten können. Jetzt haben wir aber alle gelernt, dass Daten nicht der Plural von Anekdoten ist und einzelne Geschichten eine manipulative Wirkung bei den Zuhörern haben können. Der Cochrane-Blog "Wissen was wirkt" beschreibt das sehr schön in einem Beitrag "Gefahr durch gute Geschichten". Auf dem Cochrane Colloquium 2015 in Wien enthielt das Programm-Heft auch das Format "Cochrane Stories", bei dem Protagonisten ihre Erfahrungen bei der Erstellung von Cochrane Reviews teilten (z.B. Peter Gøtzsche zum Mammografie-Screening oder Tom Jefferson zum Tamiflu-Review).

Gleichzeitig ist die Geschichte der evidenzbasierten Medizin prall gefüllt mit Helden, Querdenkern, überraschenden Erkenntnissen durch saubere Studien, Gegenspielern, Macht, Korruption - eben alles Elemente, die eine spannende Geschichte ausmachen. Und lehrreich sind sie noch dazu. Viele von diesen Geschichten finden sich bereits in der James Lind Library und im Buch "Wo ist der Beweis?" Dass ein Podcast ein tolles Medium ist, um Geschichten zu erzählen, zeigt nicht zuletzt der inspirierende Zeitsprung-Podcast, der "Geschichten aus der Geschichte" präsentiert.

Und dann gab es letztes Jahr im Sommer noch eine spannende Diskussion auf Twitter:


Diese Diskussion war dann auch der Auslöser, das Podcast-Projekt mal endlich konkret anzugehen. Mit Silke Jäger war dann auch schnell eine Podcast-Partnerin gefunden, die der Idee des Storytellings zugeneigt ist. Viele Inspirationen zum Erzählen habe ich auch noch in diesem Buch gefunden:




Aber genug der Vorrede - hier kommt jetzt endlich die erste Folge: zu James Lind und der Frage, warum wir eigentlich in guten Studien Kontrollgruppen brauchen. Und wem der Podcast gefällt, wer die ShowNotes sehen will oder den Abo-Knopf sucht, der springt am besten rüber zu Podigee, wo unser Podcast wohnt. Viel Spaß beim Zuhören - wir freuen uns über Feedback!