Freitag, 17. Februar 2017

Lesetipp: Ein Manifest für reproduzierbare Wissenschaft

Derzeit wird öffentlich vor allem diskutiert, dass Wissenschaft im Zeitalter der "alternativen Fakten" nicht mehr viel zählt. Doch dürfen wir darüber nicht vergessen, dass auch die Wissenschaft selbst viele Probleme hat, Stichwort "Reproduzierbarkeitskrise". Ein Autorenteam um John Ioannidis (an dem führt zum Thema kein Weg vorbei) hat das Problem in einem frei zugänglichen Artikel in Nature grundlegend aufgearbeitet.

Zur Erinnerung: Der Ioannidis-Artikel "Why most published research findings are false", der 2005 erschien, hatte damals (und bis heute) für Aufsehen gesorgt. Davon zeugen auch die rund 2 Millionen Aufrufe und mehr als 2000 Zitierungen. In dem jetzt erschienenen Beitrag geht es vor allem um Maßnahmen, um die Misere zu verbessern. Die Autoren schlagen unter anderem vor:
  • besseres Methodentraining der Wissenschaftler
  • verbesserte Registrierung und Berichterstattung bei Studien
  • Veränderungen beim peer-review-Verfahren
  • Institutionelle Anreize, etwa Finanzierung von Replikationsstudien
Interessant an der Aufzählung ist vor allem, dass es nicht nur Appelle an die Wissenschaftler selbst sind, sondern die Einsicht, dass sich auch das System verändern muss. Und an diesem System sind viele andere beteiligt, etwa Journalisten, Institutionen, Geldgeber und im Bereich der Arzneimittelentwicklung auch die Zulassungsbehörden.

Der Artikel ist auch im Hinblick auf den nächsten EbM-Kongress sehr lesenswert. Der hat als Schwerpunktthema "Wider die wertlose Wissenschaft - mehr Klasse als Masse".


Montag, 6. Februar 2017

Neuer Podcast: Evidenz-Geschichte(n)

Mit meiner Kollegin Silke Jäger zusammen habe ich am letzten Wochenende die erste Folge unseres neuen Podcasts "Evidenz-Geschichte(n)" veröffentlicht. Die Idee dahinter: Die Geschichte der evidenzbasierten Medizin mit Geschichten zu erzählen. Und dabei auch immer zu erklären, warum die Erkenntnisse von gestern auch für heute und morgen noch relevant sind.

Die Idee eines solchen Podcasts schwirrte mir schon länger im Kopf herum. Dabei kamen mehrere Faktoren zusammen: In meinem Vorträgen und Seminaren zur evidenzbasierten Pharmazie habe ich schon länger gemerkt, dass der Weg vom Kopf (Wissen) zum Herz (Haltungen) doch ziemlich lang ist, von dem zu den Händen (Tun) mal ganz zu schweigen. Wie kann man diese Distanz überwinden? Noch mehr Wissen und Reden nützt da nicht viel.

Gleichzeitig ist gerade die "Alternativ-Medizin" voll von Heilungsgeschichten, gegen die Kritiker mit ihren Erklärungen häufig nichts ausrichten können. Jetzt haben wir aber alle gelernt, dass Daten nicht der Plural von Anekdoten ist und einzelne Geschichten eine manipulative Wirkung bei den Zuhörern haben können. Der Cochrane-Blog "Wissen was wirkt" beschreibt das sehr schön in einem Beitrag "Gefahr durch gute Geschichten". Auf dem Cochrane Colloquium 2015 in Wien enthielt das Programm-Heft auch das Format "Cochrane Stories", bei dem Protagonisten ihre Erfahrungen bei der Erstellung von Cochrane Reviews teilten (z.B. Peter Gøtzsche zum Mammografie-Screening oder Tom Jefferson zum Tamiflu-Review).

Gleichzeitig ist die Geschichte der evidenzbasierten Medizin prall gefüllt mit Helden, Querdenkern, überraschenden Erkenntnissen durch saubere Studien, Gegenspielern, Macht, Korruption - eben alles Elemente, die eine spannende Geschichte ausmachen. Und lehrreich sind sie noch dazu. Viele von diesen Geschichten finden sich bereits in der James Lind Library und im Buch "Wo ist der Beweis?" Dass ein Podcast ein tolles Medium ist, um Geschichten zu erzählen, zeigt nicht zuletzt der inspirierende Zeitsprung-Podcast, der "Geschichten aus der Geschichte" präsentiert.

Und dann gab es letztes Jahr im Sommer noch eine spannende Diskussion auf Twitter:


Diese Diskussion war dann auch der Auslöser, das Podcast-Projekt mal endlich konkret anzugehen. Mit Silke Jäger war dann auch schnell eine Podcast-Partnerin gefunden, die der Idee des Storytellings zugeneigt ist. Viele Inspirationen zum Erzählen habe ich auch noch in diesem Buch gefunden:




Aber genug der Vorrede - hier kommt jetzt endlich die erste Folge: zu James Lind und der Frage, warum wir eigentlich in guten Studien Kontrollgruppen brauchen. Und wem der Podcast gefällt, wer die ShowNotes sehen will oder den Abo-Knopf sucht, der springt am besten rüber zu Podigee, wo unser Podcast wohnt. Viel Spaß beim Zuhören - wir freuen uns über Feedback!





Donnerstag, 2. Februar 2017

Glosse: Mitzwitschern - aber gründlich

Deutsche Gründlichkeit ist schon eine feine Sache. Das merken Journalisten zum Beispiel auch bei der deutschen Zulassungsstelle, dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Keinesfalls duldet die Pressestelle Schlampereien, wie sie etwa im direkten Kontakt zwischen Wissenschaftlern des Instituts und Journalisten auftreten können. Ganz im Gegenteil: Sie hilft dem Qualitätsjournalismus in Deutschland auf die Beine, indem sie Anfragen nur schriftlich entgegen nimmt. In mühevoller Kleinarbeit filtert die Pressestelle dann aus den Äußerungen der Fachabteilungen die Informationen heraus, die wirklich wichtig sind. Denn das sind ja auch bei weitem nicht alle Fragen, die so an das Institut herangetragen werden: "Wir müssen schon priorisieren." Dieses Vorgehen ist auch wirksam gegen den immer weiter um sich greifenden „Schnell-Schnell“-Journalismus. Überkommenen Ritualen wie einem Redaktionsschluss stemmt sich die Presseabteilung so entschieden entgegen. Wer Qualitätsauskünfte will, muss auch schon mal Tage oder Wochen warten können.

Nicht, dass wir uns hier falsch verstehen: Natürlich ist die BfArM-Pressestelle serviceorientiert. Das sieht man doch schon daran, dass sie seit Januar 2017 auf Twitter vertreten ist. „Denn unsere Zielgruppen erwarten von uns zu Recht, dass wir sie schnell und umfassend informieren“, lässt sich der Präsident des BfArM zitieren. Allzeit bereit zum Dialog! Na, das ist doch eine Einladung, der man nicht widerstehen kann.

Neue Medien wollen natürlich auch über neuartige Therapieinnovationen berichten. Deshalb twittert das BfArM natürlich auch ein Filmchen zu einem EU-Projekt zur „personalisierten Therapie“. Nebenwirkungen von Medikamenten? Alles Schnee von gestern: Einfach schnell ein genetischer Test, und schon bekommt die Patientin ein für sie passendes Mittel. Nur notorische Quertreiber fragen dann, ob der Nutzen der Tests überhaupt in aussagekräftigen Studien untersucht ist. Nur gut, dass das BfArM in den sozialen Netzwerken nicht seine Grundtugenden vergessen hat. Die Antwort heißt dann nämlich: „Bitte senden Sie uns Ihre Anfrage mit kurzer Erläuterung wie immer an die Pressestelle.“

Donnerstag, 26. Januar 2017

Podcast-Magazin Evidenzbasierte Pharmazie im Januar

In der Rubrik „Evidenzbasierte Pharmazie in der Praxis“ gibt es wieder Hinweise zu verfügbaren evidenzbasierten Informationen, die sich besonders gut für die Beratung in der Selbstmedikation nutzen lassen. Neues gibt es bei medizin-transparent, bei Cochrane Reviews und im Patientenportal des IQWiG. In dieser Folge startet eine neue Reihe zu epidemiologischen Studien. Und weitere interessante Neuigkeiten finden Sie im Blick „Über den Tellerrand“, dieses Mal wieder mit der Evidenz-Sprechstunde und einem Hinweis auf einen Workshop für Apotheker.




Podcast als MP3 downloaden


Links zu evidenzbasierten Informationen für die OTC-Beratung

Mehr Infos zu "Evidenzbasierte Pharmazie auf den Punkt" (epidemiologische Studien)

Zusammenhang von Inzidenz und Prävalenz

Inzidenz Prävalenz
Zähler Neue Fälle einer Erkrankung (bei Personen, die vorher nicht an der interessierenden Krankheit litten) Alle Fälle einer Erkrankung
Nenner Alle Personen unter Risiko, aber ohne die Erkrankung zu Beginn der Untersuchung Gesamte Population (Erkrankte und Nicht-Erkrankte)
Zeitmaß Dauer der Zeitperiode Einzelner Zeitpunkt oder einzelne Zeitperiode
Studiendesign Kohortenstudie Prävalenzstudie (= Querschnittsstudie)

Links zu "Über den Tellerrand"


Musik Ausschnitte aus „I dunno“ von grapes, unter CC BY 3.0 Creative Commons Lizenzvertrag Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.



Mittwoch, 25. Januar 2017

Veranstaltungstipp: Evidenzbasierte Patientenberatung in der Apotheke

Am Donnerstag, den 09.03. findet im Rahmen des EbM-Kongresses in Hamburg ein Workshop "Evidenzbasierte Patientenberatung in der Apotheke" statt (Leitung: Oliver Schwalbe und André Wilmer).

Aus der Ausschreibung: "Apothekerinnen und Apotheker haben es sich im Perspektivpapier Apotheke 2030 auf die Fahnen geschrieben, eine evidenzbasierte Patientenversorgung sicherzustellen. Doch was bedeutet dies im Apothekenalltag, gerade auch im Hinblick auf die Patientenkommunikation? Patientinnen und Patienten sehen in Apotheken eine niedrigschwellige Anlaufstelle für Informationen rund um ihre Gesundheit. Zugleich sind sie aber zunehmend "informiert" vor allem durch das Internet. Lernen Sie evidenzbasierte Informationsquellen für den Apothekenalltag
kennen und trainieren Sie anhand praxisnaher Szenarien Patienten evidenzbasiert zu beraten."

Der Workshop ist sehr empfehlenswert, im letzten Jahr gab es dazu auch Berichte in der Fachpresse (DAZ und PZ).

Die Anmeldung ist über die Kongress-Seite möglich. Man kann sich auch ohne Kongress-Teilnahme nur für den Workshop anmelden.

Kosten: 30 EUR, Fortbildungspunkte sind bei der Apothekerkammer Hamburg beantragt.


Donnerstag, 19. Januar 2017

Neues von der Evidenz-Sprechstunde

Mal ein bisschen Werbung in eigener Sache: Über meine Kolumne "Die Evidenz-Sprechstunde" bei DAZ.online hatte ich bereits berichtet (und in meinem Podcast weise ich auch immer auf die aktuellen Folgen hin). Jetzt hat die Redaktion der Serie eine eigene Übersichtsseite spendiert, so dass sich die einzelnen Folgen gut finden lassen. Und Marcus Anhäuser hat im Blog des Medien-Doktors sehr positiv über die Evidenz-Sprechstunde - vielen Dank dafür, made my day!

Dienstag, 17. Januar 2017

Lesetipp: Noch mehr Evidenz für Überdiagnosen beim Mammografie-Screening

Dass Screenings auf Krebserkrankungen auch zu Überdiagnosen führen können, ist seit langem bekannt. Zu den besten Beispielen gehört das Mammografie-Screening als Früherkennungsuntersuchung auf Brustkrebs. Wie sich diese Erkenntnis langsam entwickelt hat, hat 2015 ein Artikel im BMJ beschrieben.

Die Schwierigkeit bei der Quantifizierung von Überdiagnosen besteht darin, dass man sie nicht direkt messen kann. Deshalb sind wir immer auf Schätzungen angewiesen. Über eine Analyse anhand von US-amerikanischen Daten, die im NEJM erschienen ist, habe ich vor einiger Zeit berichtet. Darin vergleichen die Autoren die Entwicklung bei der Größenverteilung der entdeckten Tumore vor und nach Einführung des Screenings.

Eine etwas anderen Methodik wählen die Autoren einer registerbasierten Kohortenstudie, die auf den Daten des dänischen Krebsregisters beruht und kürzlich in Annals of Internal Medicine erschienen ist. Dabei werden alle dänischen Frauen zwischen 35 und 85 Jahren berücksichtigt, bei denen zwischen 1980 und 2010 ein invasives Mammakarzinom diagnostiziert wurde. In Dänemark war das Mammografie-Screening über mehr als ein Jahrzehnt lediglich in einem kleinen Teil des Landes etabliert, so dass (im Gegensatz zur US-amerikanischen Analyse) jeweils zeitgenössische Kontrollen vorhanden sind.

Im 1. Ansatz vergleichen die Autoren die Entwicklung der Inzidenz von fortgeschrittenen und nicht-fortgeschrittenen Tumoren in den gescreenten und nicht-gescreenten Gebieten. Für alle gefundenen Veränderungen (inkl. DCIS) berechnen sie einen Anteil der Überdiagnosen von 24,4% (bezogen auf alle Diagnosen im Screening) bzw. von 14,7%, wenn man nur die invasiven Tumore betrachtet. Dieser Ansatz berücksichtigt eventuelle Veränderungen der Inzidenz, die nicht mit dem Screening zusammenhängen (etwa eine möglicherweise steigende Hintergrundinzidenz oder frühere Diagnosen aufgrund eines höheren Bewusstseins für Veränderungen der Brust).

Im 2. Ansatz dagegen analysieren die Autoren Trends in der Inzidenz in den gescreenten Altersgruppen verglichen mit jüngeren und älteren Frauen. Damit wollen sie den Einfluss regionaler Unterschiede berücksichtigen. Sie stellen fest, dass zwar mehr nicht-fortgeschrittene Tumore bei jüngeren Frauen entdeckt wurden, aber die Inzidenz fortgeschrittener Tumore bei älteren Frauen nicht kompensatorisch abnimmt. Diese Entwicklung hätte man feststellen müssen, wenn durch das Screening entdeckte Tumore frühzeitiger und besser hätten behandelt werden können. In dieser Berechnung liegt der Anteil der Überdiagnosen bei 48,3% (inkl. DCIS) bzw. 36,8% (nur invasive Tumore).

Trotz der unterschiedlichen Methodik kommen sich die dänische und die US-amerikanischen Schätzungen (die liegt bei etwa 30 %, bezogen auf alle im Screening entdeckten Tumore) sehr nahe.

Ann Intern Med. 2017, online 10.01.2017, doi: 10.7326/M16-0270